Ein Raffstore ist ein frei hängender Behang aus Aluminiumlamellen — er ist konstruktionsbedingt windempfindlicher als ein Rollladen. Die Windwiderstandsklasse nach DIN EN 13659 (Klassen 0 bis 6) ist für Rollläden ein brauchbares Maß. Für Raffstore ist sie es nicht: Das zugehörige Prüfverfahren nach DIN EN 1932 liefert für diese Produktgruppe keine sinnvolle Klassifizierung, weshalb Hersteller in der Leistungserklärung regelmäßig Windklasse 0 deklarieren und stattdessen einen Windgrenzwert in m/s als Einsatzempfehlung angeben.
Praktisch heißt das: Die Frage „Welche Windklasse brauche ich?“ führt beim Raffstore ins Leere. Die richtige Frage lautet: „Welche maximale Windgeschwindigkeit darf an meinem Element anstehen, und wer sorgt dafür, dass der Behang vorher oben ist?“ Das Zweite ist die Aufgabe des Windwächters. Er ist damit kein Zubehör, sondern Teil des Schutzkonzepts — und je exponierter das Objekt (Obergeschosse, freie Lage, Gebäudeecken, Fassaden ohne Windschatten), desto wichtiger werden sowohl eine windstabile Ausführung als auch eine saubere Sensorplatzierung. Der häufigste Planungsfehler ist dabei ein einzelner Sensor, der die tatsächlich belasteten Fassadenbereiche gar nicht mitbekommt. Stand: 17. Juli 2026.
Außen liegende Abschlüsse — dazu zählen Rollläden und Raffstore — werden nach DIN EN 13659 in Windwiderstandsklassen von 0 bis 6 eingeteilt; Klasse 6 ist die höchste. Das Prüfverfahren ist in DIN EN 1932 festgelegt (aktuelle Fassung: DIN EN 1932:2013-09, „Abschlüsse und Markisen — Widerstand gegen Windlast — Prüfverfahren und Nachweiskriterien“).
Drei Punkte, die in Angeboten regelmäßig untergehen:
Wie eine solche Einsatzempfehlung aussieht, zeigt das folgende Beispiel eines Herstellers. Es ist ausdrücklich kein allgemeingültiger Maßstab, sondern illustriert die Systematik — verbindlich sind immer die Werte des Herstellers Ihrer Anlage:
| Ausführung (Beispiel ROMA, Stand 09/2025, Behanghöhe bis 2000 mm) | Breite bis 1,0 m | Breite bis 2,0 m | Breite bis 3,0 m |
|---|---|---|---|
| Flachlamelle (FL), Seilführung | 17 m/s | 13 m/s | 13 m/s |
| Flachlamelle (FL), Führungsschienen | 17 m/s | 13 m/s | 13 m/s |
| Gebördelte Lamelle (GL), Seilführung | 17 m/s | 17 m/s | 13 m/s |
| Gebördelte Lamelle (GL), Führungsschienen | 17 m/s | 17 m/s | 17 m/s |
Die Randbedingungen dieser Tabelle sind mindestens so wichtig wie die Zahlen. Die zitierten Werte gelten für Behanghöhen bis 2000 mm. Die Herstellertabelle selbst reicht bis 5000 mm Höhe — mit deutlich niedrigeren Grenzwerten: Bei der Flachlamelle mit Seilführung und einer Breite bis 2000 mm sind es statt 13 m/s nur noch 10 m/s bei 3500 mm Höhe und 8 m/s bei 5000 mm Höhe. Die Höhe ist also keine Fußnote, sondern die zweite Achse der Tabelle. Hinzu kommt der Fassadenabstand des Behangs: Die Tabellenwerte gelten bis 200 mm (bei Flachlamelle mit Seilführung und bei windstabiler gebördelter Lamelle: bis 100 mm). Bei mehr als 200 beziehungsweise 100 bis 300 mm ist auf den nächstkleineren Tabellenwert abzumindern, bei mehr als 300 bis 500 mm um zwei Stufen; darüber ist die Tabelle nicht mehr anwendbar. Bei Laibungsmontage darf umgekehrt auf den nächstgrößeren Tabellenwert erhöht werden — allerdings begrenzt auf maximal 17 m/s und nur bis zu einer Breite von 3000 mm.
Zwei weitere Punkte werden häufig mit dieser Tabelle vermengt, gehören aber nicht zu ihren Randbedingungen. Erstens das geschlossene Fenster: Das ist eine eigenständige Sicherheitsregel des Herstellers — ab Windstärke > 3 (3,5 m/s) muss das Fenster hinter dem Behang geschlossen sein. Zweitens die Ecksituation: Dass Tabellenwerte bei exponierten Lagen nicht mehr taugen, steht nicht in der Herstellertabelle, sondern in den Regelwerken zum Windschutz. Die Schweizer Norm SIA 342:2009 hält fest, dass die Tabellen bei exponierten Lagen — zum Beispiel bei der Montage übers Eck — nicht eingesetzt werden können, und die IVRSA-Richtlinie führt die Ecksituation als einen der Faktoren auf, die DIN EN 1932 nicht abbildet. Der Hersteller selbst formuliert allgemeiner: In jedem Fall seien bauliche Gegebenheiten und sonstige widrige Umstände wie eine windexponierte Lage oder die Windseite zu berücksichtigen. Und weil manche Hersteller ihre Windgrenzwerte je nach Montageuntergrund zusätzlich einschränken, gilt ohnehin: Maßgeblich sind immer die Angaben des jeweiligen Herstellers zu Ihrem Element. Diese Unterlagen legen wir bei den Anlagen, die wir liefern und montieren, zusammen mit den Daten aus unserem Produktprogramm für Fenster, Türen und Sonnenschutz in Ihre Objektdokumentation.
Bevor über Sensoren gesprochen wird, entscheidet die Konstruktion. Raffstore mit reiner Seil- oder Spannseilführung sind optisch schlank, windtechnisch aber das schwächere Konzept: Der Behang kann pendeln, die Lamellen schlagen gegen Laibung oder Glas. Führungsschienen aus Aluminium — seitlich an der Laibung oder direkt am Blendrahmen — nehmen Querkräfte auf und heben den zulässigen Windgrenzwert spürbar an, wie die Tabelle oben bei der gebördelten Lamelle zeigt.
Weitere konstruktive Stellschrauben sind die Lamellenform (windstabile, gebördelte Profile statt flacher Standardlamelle), die Lamellenbreite, das Gewicht der Endschiene, zusätzliche Seilführungen als Windsicherung bei größeren Breiten und die Verankerung des Kastens im Untergrund. Wichtig ist dabei nur eines: All das ist eine Systementscheidung des Herstellers, für die er einen Grenzwert angibt. „Wir nehmen stabilere Lamellen“ ohne zugehörige Herstellerangabe verbessert den zugesicherten Windgrenzwert nicht. Die Grenzwerte gelten zudem nur, wenn die empfohlene Anzahl an Trägern, Haltern und Führungen tatsächlich montiert ist.
Der Begriff „Windwächter“ wird für mehrere technisch unterschiedliche Lösungen verwendet. Sie verhalten sich in der Praxis nicht gleich:
Entscheidend ist der Unterschied zwischen messen und schützen. Ein Windwächter liefert immer nur den Wert, der am Ort des Sensors herrscht. Ein Sensor, der dort misst, wo kein Wind ist, schützt nichts.
Die Kernregel lautet: Der Messfühler muss sich möglichst in der freien, ungestörten Windströmung befinden. Wie ein Gebäude umströmt wird, ist dabei weniger intuitiv, als es klingt. Der „Leitfaden für den Einsatz von Windwächtern“ — hier in der Schweizer Fassung (VSR, Stand 10/2022); eine deutsche Fassung gibt die IVRSA heraus — beschreibt die maßgeblichen Effekte: An der angeströmten Fassade stellt sich bei etwa 80 % der Gebäudehöhe der maximale Winddruck ein — dort ist die Windgeschwindigkeit aber minimal, weil die Strömung abgebremst wird. Ein Anemometer mitten auf der Luvfassade kann also ausgerechnet dort unterschätzen, wo die Last am größten ist. Die höchsten Geschwindigkeiten und Turbulenzen treten an Gebäudeecken und Dachkanten auf, im Lee entstehen Verwirbelungen und Rückströmungen, und enge Nachbarbebauung kann über den Düseneffekt die fassadennahe Geschwindigkeit als groben Richtwert um bis zu 60 % erhöhen.
| Montageort des Sensors | Bewertung |
|---|---|
| Dachwindwächter, frei angeströmt | Höhe und Abstand nach Sensoranleitung und objektspezifischem Windkonzept festlegen |
| Sensoren je Fassadenzone | Anzahl, Lage, Zonenzuordnung und Schwellen projekt- sowie herstellerspezifisch bestimmen |
| Zentraler Dachsensor für mehrere Fassaden | Nur verwenden, wenn das Steuerungs- und Windkonzept die Übertragung auf die Fassadenzonen belastbar abbildet |
| Mitte der angeströmten Fassade | Kann wegen des Staubereichs zu niedrige Windgeschwindigkeiten erfassen |
| Unter Dachüberstand, Balkon oder in tiefer Laibung | Abschirmung kann die Messung verfälschen; nur nach Sensor- und Planungsvorgabe |
| Leeseite | Als alleiniger Messort häufig ungeeignet; Rückströmungen und Verwirbelungen berücksichtigen |
| Innenhof, enge Gebäudelücke oder Nähe zu Hindernissen | Düsen- und Wirbeleffekte können die Messung in beide Richtungen verfälschen |
Wichtig ist die ehrliche Einordnung der Grenzen: Der Leitfaden ist ausdrücklich für kleinere Gebäude oder einfache Geometrien gedacht. Die Positionierung lässt sich nur bei einfachen Gebäudeformen in einfachem Gelände ohne Hindernisse abschätzen; bei größeren Objekten oder komplexer Umgebung wird dringend empfohlen, Anzahl und Lage der Sensoren durch Simulation oder Windkanalmessung eines spezialisierten Unternehmens bestimmen zu lassen. Bei Objekten mit rundum belegten Fassaden gilt daher: ein Sensor an irgendeiner Fassade reicht nicht. Entweder ein sauber platzierter, frei angeströmter Dachsensor bei einfacher Kubatur — oder mehrere Sensoren mit zonenweise getrennten Gruppen und Schwellen. Wer stattdessen die Schwelle einfach konservativ tief setzt, fährt alle Behänge früher ein, auch die geschützten. Das ist der Komfortpreis der einfachen Lösung, und man sollte ihn vor der Montage besprechen, nicht danach.
Ein richtig platzierter Sensor mit falscher Parametrierung schützt ebenfalls nicht. Vier Größen müssen zusammenpassen:
Wichtig ist außerdem die Priorität in der Steuerung: Der Windwächter hat stets Vorrang vor anderer Sensorik wie Sonne und Regen und vor der manuellen Bedienung. Ein Windwächter, den die Sonnenautomatik oder ein App-Befehl überstimmen kann, ist keiner. Die Steuerung sollte zudem mehrere Fassadenbereiche mit unterschiedlichen Schwellenwerten verwalten können — und idealerweise Windspitzen speichern, damit sich im Reklamationsfall auslesen lässt, was tatsächlich anstand.
Ein Windwächter fällt selten spektakulär aus. Er fällt leise aus:
Daraus folgt eine simple Routine: Sichtprüfung und Funktionstest des Windwächters mindestens einmal jährlich, sinnvollerweise vor der Herbst- und Sturmsaison; der Zugang zum Sensor muss dafür dauerhaft gewährleistet sein. Der Leitfaden nennt dafür eine erfrischend praxisnahe Prüfmethode: Mit einem Akku-Laubbläser lässt sich die Funktion auslösen — dabei für festen Stand sorgen und mindestens 1 m Abstand zum Windwächter halten. Wenn Sie am ausgefahrenen Behang hantieren: Stopp-Punkt vorher festlegen, niemanden unter dem Behang arbeiten lassen und bei Arbeiten am Antrieb die 230-V-Zuleitung freischalten — die Details unterscheiden sich je nach Antriebs- und Steuerungshersteller, maßgeblich ist dessen Anleitung.
Zunächst eine Klarstellung, die oft anders behauptet wird: Eine ausdrückliche allgemeine Pflicht zum Einbau eines Windwächters ist nicht ersichtlich. Der Leitfaden hält in der Schweizer Fassung für Produkte, die unter die SN EN 13561 und SN EN 13659 fallen, ausdrücklich fest, dass sich aus der Bauproduktegesetzgebung, der Bauart oder der Nutzung eines Gebäudes keine Erfordernis für den Einbau von Windüberwachungseinrichtungen ableitet; diese Aussage bezieht sich also zunächst auf die Schweizer Normenfassungen. Eine entsprechende allgemeine Einbaupflicht ist aber auch in Deutschland nicht ersichtlich. Herstelleranleitungen empfehlen den Windwächter bei Raffstore in aller Regel dringend — die bestimmungsgemäße Verwendung obliegt dem montierenden Betrieb, der ordnungsgemäße Betrieb der Eigenverantwortung des Nutzers.
Beim Thema Windschaden werden dann zwei Ebenen verwechselt. Die gesetzliche Mängelhaftung greift, wenn die Anlage von Anfang an nicht der vereinbarten Beschaffenheit oder den anerkannten Regeln der Technik entsprach — etwa wenn ein exponiertes Element mit einem erkennbar zu niedrigen Windgrenzwert oder ohne funktionierendes Schutzkonzept eingebaut wurde. Eine Garantie ist demgegenüber eine freiwillige zusätzliche Zusage des Herstellers (§ 443 BGB) mit eigenen Bedingungen. Unabhängig davon findet sich in Bedienungs- und Pflegeanleitungen regelmäßig der Satz, dass Schäden durch Nichtbeachtung eben dieser Anleitung nicht der Gewährleistung unterliegen — und die Anleitung ist genau der Ort, an dem Windgrenzwert, Windwächter-Empfehlung und Bedienung bei Sturm stehen. Beide Ebenen bestehen unabhängig voneinander; eine Garantie ersetzt die gesetzliche Mängelhaftung nicht.
Für Sie als Bauherr heißt das ganz praktisch: Lassen Sie sich die Leistungserklärung, die Einsatzempfehlung Wind mit dem Grenzwert für Ihre Maße und Ausführung sowie ein kurzes Protokoll der tatsächlich eingestellten Werte aushändigen. Das ist im Streitfall belastbarer als jede mündliche Zusicherung — und wenn Sie unsicher sind, ob eine bestehende Anlage sinnvoll parametriert ist, lassen Sie das von einem Fachbetrieb für Sonnenschutzsteuerung prüfen. Konkrete rechtliche Bewertungen im Einzelfall gehören ohnehin in eine Rechtsberatung, nicht in einen Blogbeitrag.
Fünf Punkte, die eine Raffstore-Planung windfest machen — und die man später nur teuer nachholt:
Diese Punkte klären wir bei den Projekten, die wir betreuen, vor dem Aufmaß und nicht erst auf der Baustelle. Wenn Sie Ihre Fassade auf dieser Grundlage bewerten lassen möchten, schicken Sie uns Maße, Fassadenausrichtung und Lage am besten über unser unverbindliches Angebotsformular; wir stimmen das System mit dem Lieferanten ab, beschaffen die passende Ausführung und montieren sie samt zugehörigem Schutzkonzept.
Der Windwächter kostet einen kleinen Bruchteil der Anlage. Ein zerstörter Behang an einer drei Meter breiten Fassadenöffnung kostet ein Vielfaches — und der Ärger beginnt erst danach, bei der Frage, wer den Schwellenwert eingestellt hat. Deshalb gehören Windgrenzwert und Sensor in dieselbe Zeile des Angebots.